﻿{"id":1676,"date":"2016-06-26T03:21:21","date_gmt":"2016-06-26T01:21:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?p=1676"},"modified":"2016-06-30T01:35:37","modified_gmt":"2016-06-29T23:35:37","slug":"noestlinger-interview","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?p=1676","title":{"rendered":"Christine N\u00f6stlinger im Gespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch war furchtbar grantig, als der Krieg aus war.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>von <a href=\"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?p=1127\" target=\"_blank\">Marlene Liebhart<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Christine N\u00f6stlinger (geboren 1936 in Wien) erlebte als Kind den Zweiten Weltkrieg.\u00a0Einige ihrer Erfahrungen aus dieser Zeit hat die \u00f6sterreichische Kinderbuchautorin literarisch in B\u00fccher und Texte verpackt.\u00a0Am 22. April 2016 las sie vor dem gut gef\u00fcllten Saal im Eichgrabener Gemeindezentrum aus &#8222;Gl\u00fcck ist was f\u00fcr Augenblicke&#8220;.\u00a0Wir haben mit ihr dar\u00fcber gesprochen wie ihr Eichgraben gefallen hat, wie es war im Zweiten Weltkrieg als Kind einer antifaschistischen Familie aufzuwachsen und was sie unter Integration versteht.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><div class=\"ffs-sep\" id=\"ffs-sep-96\" style=\"border-bottom:1px solid #ebebeb;  height:10px; \"><\/div><div class=\"clearfix\"><\/div><\/p>\n<div class=\"csRow\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"csColumn\" style=\"margin: 0px; padding: 0px; float: left; width: 58.3%;\" data-csstartpoint=\"0\" data-csendpoint=\"560\" data-cswidth=\"58.3%\" data-csid=\"fead658a-01fd-ffba-8cca-6d4e05d23367\">\n<p><b>Sie haben vor kurzem eine Ihrer seltenen Lesungen in Eichgraben gehalten. Wie war&#8217;s?<br \/>\n<\/b><br \/>\nIch mach nicht gerne Lesungen. Obwohl ich glaub, ich mach&#8217;s gar nicht schlecht!<br \/>\nAls ich fertig war hat der <a href=\"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?p=158\" target=\"_blank\">Serwer Sheikh Mousa<\/a> eine kurze Rede gehalten, dass er dankbar ist und dass es den Fl\u00fcchtlingen in Eichgraben gut geht. Sehr blumig. Arabische H\u00f6flichkeit.<\/p>\n<p>Nachher hab ich zu irgendjemandem gesagt: \u201eDes is oba schen do!\u201c<br \/>\nDaraufhin wurde mir schon irgendwie zu verstehen gegeben, dass nicht ganz Eichgraben froh \u00fcber die Fl\u00fcchtlinge ist. Mit Andeutungen, man kennt ja solche Leute.<br \/>\n\u201eNaja, alle sind ja nicht daf\u00fcr&#8230;\u201c<br \/>\nSowas.<\/p>\n<p><strong>Wie haben Sie Eichgraben allgemein empfunden?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Gott, wie halt so ein Nest ist. Du siehst halt Leut&#8216; sitzen, die h\u00f6flich klatschen. Bei den einen merkst du, mit denen bist du irgendwie auf einer Wellenl\u00e4nge. Und dann gibt es die anderen, denen es eigentlich nicht so richtig gef\u00e4llt, die aber h\u00f6flich sind. Und sich nicht trauen zu einer Person ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad zu sagen: \u201ePfui Teifl.\u201c<\/p>\n<p><strong>Woraus haben Sie denn vorgelesen?<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"csColumnGap\" style=\"margin: 0px; padding: 0px; float: left; width: 2.08%;\"><img decoding=\"async\" style=\"border: none;\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/plugins\/advanced-wp-columns\/assets\/js\/plugins\/views\/img\/1x1-pixel.png?w=1200\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/div>\n<div class=\"csColumn\" style=\"margin: 0px; padding: 0px; float: left; width: 39.6%;\" data-csstartpoint=\"580\" data-csendpoint=\"960\" data-cswidth=\"39.6%\" data-csid=\"ad9cd11e-2b83-844c-8aae-9ca24245a28a\">\n<figure id=\"attachment_2281\" aria-describedby=\"caption-attachment-2281\" style=\"width: 684px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"2281\" data-permalink=\"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?attachment_id=2281\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Noestlinger_imBeitrag.jpg?fit=1181%2C1769\" data-orig-size=\"1181,1769\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;4&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;VRATNY&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D750&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1466180553&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;felix vratny&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;50&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;400&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.01&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"Noestlinger_imBeitrag\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Noestlinger_imBeitrag.jpg?fit=200%2C300\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Noestlinger_imBeitrag.jpg?fit=684%2C1024\" class=\"wp-image-2281 size-large\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Noestlinger_imBeitrag.jpg?resize=684%2C1024\" alt=\"\u00a9Felix Vratny\" width=\"684\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Noestlinger_imBeitrag.jpg?resize=684%2C1024 684w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Noestlinger_imBeitrag.jpg?resize=200%2C300 200w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Noestlinger_imBeitrag.jpg?resize=768%2C1150 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Noestlinger_imBeitrag.jpg?w=1181 1181w\" sizes=\"(max-width: 684px) 100vw, 684px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2281\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Felix Vratny<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div style=\"clear: both; float: none; display: block; visibility: hidden; width: 0px; font-size: 0px; line-height: 0;\"><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"csRow\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"csColumn\" style=\"margin: 0px; padding: 0px; float: left; width: 58.3%;\" data-csstartpoint=\"0\" data-csendpoint=\"560\" data-cswidth=\"58.3%\" data-csid=\"c66ec106-a4fe-734e-9b3a-64f5513fda77\">\n<p>Aus meinem Buch \u201eGl\u00fcck ist was f\u00fcr Augenblicke\u201c. Lebenserinnerungen.<\/p>\n<p><b>Eines von vielen B\u00fcchern, in denen Sie \u00fcber Ihre Kindheit schreiben.<\/b><\/p>\n<p>Ja schon. Im Grunde genommen muss man als erwachsener Mensch, wenn man f\u00fcr Kinder schreibt, irgendwie immer \u00fcber seine eigene Kindheit schreiben. Denn ich kenne ja nur die Gef\u00fchle und das Denken, das mir irgendwie \u00e4hnlich ist. Ich bin zum Beispiel v\u00f6llig unsportlich. Ich k\u00f6nnte nie ein Buch schreiben, wo die Hauptfigur ein sportliches Kind ist. Weil das in mein Gehirn nicht hineingeht, wie das ist.<\/p>\n<p><b>Kinder wachsen heute ja in einem sehr friedlichen \u00d6sterreich auf. Einen Krieg hat es bei uns schon lange nicht mehr gegeben. Sie waren zwei Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Was bedeutet das f\u00fcr ein <a href=\"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?p=432\" target=\"_blank\">Kind<\/a>?<\/b><\/p>\n<p>Das wird sehr verschieden sein. Es wird Leute geben, die als Kinder von diesem Krieg \u00fcberhaupt nicht viel mitbekommen haben. Und es wird solche geben, die noch viel mehr mitbekommen haben als ich. Aber nat\u00fcrlich bedeutet das Angst und Unsicherheit. Es kommt ganz darauf an in welcher politischen Situation man steckt. Wenn ich ein Nazi-Kind gewesen w\u00e4re, w\u00e4re es mir wahrscheinlich anders gegangen. Aber meine Familie waren Antifaschisten. Das war eine ganz spezielle Situation, weil ich daheim viel geh\u00f6rt und gesehen habe, was ich woanders nicht erz\u00e4hlen konnte. Das wei\u00df man als Kind, das hat mir niemand erkl\u00e4ren m\u00fcssen.<\/p>\n<p><b>War das nicht auch belastend?<\/b><\/p>\n<p>Ja, wahrscheinlich. So bewusst hab ich das ja nicht erlebt, denn als der Krieg vorbei war, war ich erst acht Jahre alt. Aber es hat auch schwierige Sachen f\u00fcr mich gegeben &#8211; ich habe zum Beispiel immer die Farbe rot geliebt. Und im Krieg hat es ja nichts Rotes gegeben. Die Str\u00fcmpfe waren braun, die Pudelhauben waren braun&#8230;<\/p>\n<p><b>Warum das? Durfte man die Farbe nicht tragen?<\/b><\/p>\n<p>Na, d\u00fcrfen h\u00e4tte man schon, aber es gab ja nichts zu kaufen und dann wurde eben die alte Weste von der Gro\u00dfmutter aufgetrennt und aus der Wolle wurde f\u00fcr mich eine Pudelhaube gestrickt. Und meine Gro\u00dfmutter hat eben nur grau und braun gehabt.<\/p>\n<p>Einmal, das muss kurz vor dem 20. April gewesen sein, da bekamen wir in der Schule anl\u00e4sslich Hitlers Geburtstag ein Buch. Und das war in knallrotes Leinen gebunden, mit einem Titel in Goldschrift. \u201eMutter erz\u00e4hlt von Adolf Hitler\u201c, ist da drauf gestanden. Und ich bin stolz mit dem Buch heimgegangen, brandrot wie das war. Meine Mutter sieht das Buch und packt es und schreit: \u201eAn Schei\u00dfdreck erz\u00e4hlt die Mutter von Adolf Hitler!\u201c und will das Buch in den Ofen hineinschieben. Das Ofent\u00fcr&#8217;l war aber zu klein, darum hat sie es zerrissen. Dann hat der ganze Ofen geraucht, weil er das Buch nicht vertragen hat.<br \/>\nDa war ich schon traurig, dass das Buch weg war.<\/p>\n<p><b>Gab es auch Momente, in denen Sie Angst hatten?<\/b><\/p>\n<p>Mein Gro\u00dfvater hat immer unter einer Decke versucht BBC zu h\u00f6ren. Und das habe ich ja gewusst, dass das verboten und gef\u00e4hrlich ist, da hatte ich schon Angst um ihn.<br \/>\nUnd dann diese richtig gro\u00dfe Angst im Keller, wenn die Bomben fallen und die Leute alle hysterisch werden, die l\u00e4sst sich ja eigentlich nicht in Worte\u00a0kleiden.<br \/>\nIch habe erlebt wie eine Bombe ins Nachbarhaus eingeschlagen ist. Die Leute sind aus dem hinteren Teil des Kellers hervorgest\u00fcrmt und h\u00e4tten mich und meine Schwester fast zu Boden getrampelt. Da schaut ja keiner, dass er auf Kinder R\u00fccksicht nimmt, in dieser Todesangst.<\/p>\n<p>Das wirkt auch lang nach. Fr\u00fcher, wenn ich an irgendeiner Baustelle vorbeigegangen bin, wo sie vielleicht ein Haus umgerissen haben und ich Mauerstaub in Mund und Nase gekriegt habe &#8211; da hab ich immer kurz ein panisches Gef\u00fchl bekommen. Noch 30 Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p><b>Wie haben Sie und Ihre antifaschistische Familie sich eigentlich im Zweiten Weltkrieg, als es ja so etwas wie Meinungs- oder Pressefreiheit nicht gab, informiert? Wie konnte man da an Nachrichten\u00a0gelangen, die nicht freigegeben waren?<\/b><\/p>\n<p>Ich hatte einen Onkel, der Obernazi war. Ein sehr hoher SS-ler, der Bruder meiner Mutter. Durch den konnte man sich die Meinung bilden. Als ich acht Jahre alt war, habe ich ihn sagen geh\u00f6rt, \u201eDie Juden gehen durch den Rauchfang.\u201c Da hat ihm meine Mutter eine Watschen gegeben. Sie war ja die gro\u00dfe Schwester.<br \/>\nDas ist auch so typisch. Die zwei waren politisch v\u00f6llig kontr\u00e4r, aber Blut ist dicker als sonst was. Richtig b\u00f6s&#8216; ist sie mit ihm nie geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"csRow\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div class=\"csRow\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"csColumn\" style=\"margin: 0px; padding: 0px; float: left; width: 58.3%;\" data-csstartpoint=\"0\" data-csendpoint=\"560\" data-cswidth=\"58.3%\" data-csid=\"72f7ee35-f66d-0eb3-b327-c65880326080\">\n<p>\u00a0\u201e<b>Die Juden gehen durch den Rauchfang\u201c&#8230; War das allgemein bekannt?<\/b><\/p>\n<div class=\"csRow\">\n<div class=\"csColumn\" data-csstartpoint=\"0\" data-csendpoint=\"560\" data-cswidth=\"58.3%\" data-csid=\"c66ec106-a4fe-734e-9b3a-64f5513fda77\">\n<p>Das wei\u00df ich nicht&#8230; aber wenn es hei\u00dft, man hat nicht gewusst, was passiert&#8230;<br \/>\nWas haben sie sich denn eingebildet, was mit ihnen passiert? Wenn sie pl\u00f6tzlich weg waren, wenn die Wohnungen eine Woche sp\u00e4ter von anderen besetzt wurden. Wenn die M\u00f6blage verschachert worden ist um billigstes Geld, was haben sie denn geglaubt, was mit denen ist?<br \/>\nAber ob es allgemein bekannt war wei\u00df ich nicht. Es hat nicht jeder einen hohen SS-ler zum Onkel gehabt.<br \/>\nMit sieben Jahren kann man sich nicht vorstellen, dass Leute verbrannt werden. Ich wei\u00df noch, wie ich es mir stattdessen vorgestellt habe. Da gibt\u2019s ein Bild von Chagall, da ist ein Haus und \u00fcber dem Haus schwebt ein Engel. Die Juden gehen durch den Rauchfang&#8230; So hab&#8216; ich mir das gedacht.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"csRow\">\n<div class=\"csColumn\" data-csstartpoint=\"0\" data-csendpoint=\"560\" data-cswidth=\"58.3%\" data-csid=\"c03d15a4-8c9b-d3c6-980b-3c68c9f2160c\"><b>Begreift man als Kind, was das bedeutet, der Tod und der Krieg?<\/p>\n<p><\/b>Na&#8230;<br \/>\nNa, das begreift man nicht. Wenn meine Gro\u00dfmutter, die eine sehr dumme und b\u00f6se Frau war, mit dem Finger unter der Zeile laut aus dem \u201eV\u00f6lkischen Beobachter\u201c vorgelesen hat &#8211; sich selber oder mir, das wei\u00df ich nicht \u2013 und es gehei\u00dfen hat: \u201eEs fielen an der Front 30 Soldaten\u201c&#8230; Dann hab ich mir vorgestellt, wie Zinnsoldaten einfach so, peng, umfallen.<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"csColumn\" data-csstartpoint=\"0\" data-csendpoint=\"560\" data-cswidth=\"58.3%\" data-csid=\"c03d15a4-8c9b-d3c6-980b-3c68c9f2160c\">\n<p>Dass es nichts Gutes ist, hab ich schon gewusst. Es war nat\u00fcrlich was ganz anderes, wenn meine Mutter heulend beim K\u00fcchentisch sa\u00df, weil schon seit drei Wochen kein Brief von meinem\u00a0Vater kam.<\/p>\n<p><b>Haben Sie selbst im Krieg Angeh\u00f6rige verloren?<\/b><\/p>\n<p>Nein, aber mein Vater war so zerschossen als er zur\u00fcckkam, dass er eigentlich sp\u00e4ter daran gestorben ist. Da war er knappe 60. In den Beinen zum Beispiel hatte er, glaube ich, im ganzen 50 Granatensplitter. Die sind dann immer so herausgeeitert.<\/p>\n<p><b>In den Jahren danach, als man besch\u00e4ftigt war mit dem Wiederaufbau, hatte man da Zeit die Geschehnisse im Krieg zu verarbeiten? War das \u00fcberhaupt Thema?<\/b><\/p>\n<p>Nein, wenn du neun, zehn oder elf\u00a0Jahre alt bist besch\u00e4ftigst du dich ja nicht mit der Vergangenheit. Mich hat viel mehr besch\u00e4ftigt, dass meine alten Freundinnen aus der Volksschule nicht mehr mit mir geredet haben, weil ich die einzige war, die ins Gymnasium gegangen ist. Und dann das Integrieren in die neue Schule. Das waren meine Probleme.<\/p>\n<p><b>Was bedeutet denn f\u00fcr Sie Integration?<\/b><\/p>\n<p>Ja eigentlich, wenn man mit seinem Leben da, wo man ist, zufrieden ist. Das kann eben ganz verschieden sein. Was die meisten Leute unter Integration verstehen ist Assimilation. Und das ist zwar f\u00fcr jemanden der es zusammenbringt wahrscheinlich am besten, aber muss nicht sein.<\/p>\n<p>Da bei mir im dritten Stock wohnt eine t\u00fcrkische Frau, die seit 25 Jahren hier ist und keinen einzigen deutschen Satz kann. Aber ich finde, die ist trotzdem integriert. In dieses Leben, das sie da hat. Sie zieht ihre Kinder gro\u00df, scheint sich nicht unwohl zu f\u00fchlen. Und wenn sie etwas braucht, das man nicht im t\u00fcrkischen Gesch\u00e4ft kriegt, dann geht der Mann einkaufen. Also von mir aus gesehen ist sie integriert. Ich verlange daf\u00fcr wenig.<br \/>\nDas Gr\u00e4tzel, wo ich wohne, ist v\u00f6llig T\u00fcrkisch. Da stelle ich auch fest; es gibt eine Parallelgesellschaft. T\u00fcrkische L\u00e4den, Standler, B\u00e4cker, Kaffeeh\u00e4user, Restaurants&#8230; Sie k\u00f6nnen leben. Nur die zweite, dritte Generation &#8211; die bleibt dann auf dem Hilfsarbeiterstatus. Sie bekommen einen schlechten oder gar keinen Schulabschluss und keine Lehrstelle. Das liegt daran, dass sie oft nicht gut genug Deutsch sprechen.<\/p>\n<p><b>In Eichgraben, genauer gesagt\u00a0in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft im <a href=\"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?p=853\" target=\"_blank\">Kloster Stein<\/a>, habe ich unter den Spielsachen im Gemeinschaftsraum eines Ihrer Franz-B\u00fccher entdeckt. Sp\u00e4ter hat mir ein 22-J\u00e4hriger Fl\u00fcchtling erz\u00e4hlt, dass er mit den Kinderb\u00fcchern Deutsch lernt.<\/b><\/p>\n<p>Mein Ex-Schwiegersohn ist Syrer und der gibt jetzt Deutschunterricht f\u00fcr syrische Fl\u00fcchtlinge. Er verzweifelt daran, dass sechs davon Analphabeten sind, auch auf Arabisch. Viele von den Syrern die kommen, sind ja auch sehr gebildet. Aber dass nur lauter \u00c4rzte und Ingenieure kommen, so ist es nicht.<br \/>\nDas sollte aber kein Kriterium sein, ob man ihnen hilft. \u00dcberhaupt; die Unterscheidung zwischen Wirtschaftsfl\u00fcchtling und politischem Fl\u00fcchtling&#8230; Ja bittsch\u00f6n, wenn meine Familie am verhungern ist, ist das kein Grund, dass ich fortgeh?<\/p>\n<p><b>Haben Sie das als Kind auch erlebt, dass Sie hungern mussten?<\/b><\/p>\n<p>Nein, so war&#8217;s nie. Es war halt sehr einseitig und sehr merkw\u00fcrdig. Erd\u00e4pfel gab&#8217;s immer. Und meiner Mutter, meiner Schwester und mir, uns standen pro Woche 25 Deka Fleisch zu. Das hat meine Mutter in Extrawurst umgesetzt, da hat man mehr bekommen, weil da so viel Mehl drin war. Die Wurst hat meine Mutter dann paniert, wie Schnitzel.<\/p>\n<p><b>War das gut?<\/b><\/p>\n<p>Mir hat&#8217;s mit Leidenschaft geschmeckt. Als es dann wieder Fleisch und echte Schnitzel gab, hat meine Mutter das weiter f\u00fcr mich machen m\u00fcssen.<br \/>\nNach Kriegsende sind dann aber auch ein paar Leute verhungert. Und zwar sehr alte Leute, die sich einfach nicht mehr auf die Gasse getraut haben. Die dann halt ver\u00e4ngstigt in ihren Wohnungen sa\u00dfen. Aber das waren ganz wenige.<\/p>\n<p><b>Sie haben damals in Hernals gewohnt, als der Krieg vorbei war, oder?<\/b><\/p>\n<p>Naja als der Krieg vorbei war sind wir umgezogen, weil unser Haus zerbombt war. Da wurden wir in eine Villa in Neuwaldegg evakuiert, in der auch Russen einquartiert waren. Ich hab sie geliebt! Wenn sie besoffen waren, waren sie ein bisserl gef\u00e4hrlich, aber nicht f\u00fcr Kinder. Die waren zu Kindern sehr nett.<br \/>\nDas war aber auch eine Eliteeinheit, Funker. Alles studierte Menschen.<\/p>\n<p><b>Hat sich die Welt sehr ver\u00e4ndert f\u00fcr Sie, als der Krieg aus war?<\/b><\/p>\n<p>Ich war furchtbar grantig. Weil in meinem kindlichen schwarz-wei\u00df Denken war das so: Wenn der Krieg endlich aus ist \u2013 und ich hab ja immer geh\u00f6rt wir m\u00fcssen den Krieg verlieren \u2013 dann kommen alle Nazi weg. Und von mir aus h\u00e4tten sie die auch umbringen k\u00f6nnen, Kinder sind schon so!<br \/>\nDas ist halt nicht passiert. Die Nazis aus unserem Haus gab es immer noch. Und die hatten immer noch mehr als wir. Also ich war da sehr unzufrieden.<\/p>\n<p><b>Was nimmt man denn noch ins Erwachsenenalter mit aus einem Krieg?<\/b><\/p>\n<p>Jeder was anderes. Ich politisches Engagement. Etwas, das mich immer mehr verdrie\u00dft und was ich auch f\u00fcr mich pers\u00f6nlich wahnsinnig traurig finde, ist, wenn ich mir diesen Rechtsruck in ganz Europa anschaue. Dass ich es je erlebe, dass der Herr Strache noch Bundeskanzler werden k\u00f6nnte &#8211; so hab ich mir mein Leben nicht vorgestellt!<br \/>\nSie in ihrem Alter k\u00f6nnen noch hoffen, dass das einmal wieder anders wird. Ich kann in den paar Jahren, in denen ich noch lebe, nicht mehr darauf z\u00e4hlen.<\/p>\n<p><b>Was k\u00f6nnten Gesellschaft und Politik Ihrer Meinung nach besser machen?<\/b><\/p>\n<p>Wenn die Leute halt so sind, wie sie sind, wird sich nicht viel \u00e4ndern. Es ist eine Neidgesellschaft und der Neid richtet sich erstaunlicherweise in unserer Bev\u00f6lkerung nicht an die da oben, die wirklich viel haben. Neidig ist man dann auf den Mindestsicherungsbezieher, dass der vielleicht einen Hunderter zu viel hat.<\/p>\n<p>Kommt ein m\u00e4nnlicher Fl\u00fcchtling allein ist er ein Schuft, weil er seine Familie zur\u00fcckgelassen hat. Kommt er <a href=\"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?p=990\" target=\"_blank\">mit der Familie<\/a> wird ihm vorgeworfen, wie er sie nur so einer Flucht aussetzen kann&#8230;<br \/>\nIch verstehe einfach nicht, dass es Menschen gibt, die so \u00fcberhaupt kein bisserl Empathie haben, wenn sie solche Bilder im Fernsehen sehn.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dieses Interview entstand im Rahmen des Buchprojektes \u201eAuf-\/Um-\/Durch- Bruch\u201c von\u00a0Felix Vratny, Verena Repar und Evi Langes.<br \/>\nEiner Diplomarbeit f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.graphische.net\/\" target=\"_blank\">DieGraphische<\/a> \u00fcber K\u00fcnstler der Nachkriegszeit in Wien.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"csColumnGap\" style=\"margin: 0px; padding: 0px; float: left; width: 2.08%;\"><img decoding=\"async\" style=\"border: none;\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/plugins\/advanced-wp-columns\/assets\/js\/plugins\/views\/img\/1x1-pixel.png?w=1200\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/div>\n<div class=\"csColumn\" style=\"margin: 0px; padding: 0px; float: left; width: 39.6%;\" data-csstartpoint=\"580\" data-csendpoint=\"960\" data-cswidth=\"39.6%\" data-csid=\"6b797378-21fb-b71b-bdc4-8f688618801b\">\n<figure id=\"attachment_1680\" aria-describedby=\"caption-attachment-1680\" style=\"width: 241px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1680\" data-permalink=\"http:\/\/www.zbeichgraben.at\/?attachment_id=1680\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/the-israelites-are-eating-the-passover-lamb-1931.jpgLarge.jpeg?fit=482%2C600\" data-orig-size=\"482,600\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"the-israelites-are-eating-the-passover-lamb-1931.jpg!Large\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;&#8222;Die Israeliten Essen das Passahlamm&#8220; von Marc Chagall (Gouache, 62&#215;49 cm, 193) Quelle: WikiArt.org&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/the-israelites-are-eating-the-passover-lamb-1931.jpgLarge.jpeg?fit=241%2C300\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/the-israelites-are-eating-the-passover-lamb-1931.jpgLarge.jpeg?fit=482%2C600\" class=\"wp-image-1680 size-medium\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/the-israelites-are-eating-the-passover-lamb-1931.jpgLarge.jpeg?resize=241%2C300\" alt=\"&quot;Die Israeliten Essen das Passahlamm&quot; von Marc Chagall (Gouache, 62x49 cm, 193) Quelle: WikiArt.org\" width=\"241\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/the-israelites-are-eating-the-passover-lamb-1931.jpgLarge.jpeg?resize=241%2C300 241w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/the-israelites-are-eating-the-passover-lamb-1931.jpgLarge.jpeg?w=482 482w\" sizes=\"(max-width: 241px) 100vw, 241px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1680\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Die Israeliten Essen das Passahlamm&#8220; von Marc Chagall (Gouache, 62&#215;49 cm, 193) Quelle: WikiArt.org<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div style=\"clear: both; float: none; display: block; visibility: hidden; width: 0px; font-size: 0px; line-height: 0;\"><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"csColumnGap\" style=\"margin: 0px; padding: 0px; float: left; width: 2.08%; text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" style=\"border: none;\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zbeichgraben.at\/wp-content\/plugins\/advanced-wp-columns\/assets\/js\/plugins\/views\/img\/1x1-pixel.png?w=1200\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"border-radius: 2px; text-indent: 20px; width: auto; padding: 0px 4px 0px 0px; text-align: center; font: bold 11px\/20px 'Helvetica Neue',Helvetica,sans-serif; color: #ffffff; background: #bd081c no-repeat scroll 3px 50% \/ 14px 14px; position: absolute; opacity: 0.85; z-index: 8675309; display: none; cursor: pointer; top: 181px; left: 518px;\">Save<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"border-radius: 2px; 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